Der Musikpreis der Stadt Duisburg

 

Michael Gielen

In manchem Gespräch wundert sich Michael Gielen selbst über seine erfolgreiche Karriere. Dabei konnte er sich der Rolle eines „Außenseiters“ nie ganz entziehen. Doch erklärt gerade die Kompromisslosigkeit, mit der er diese Bestimmung angenommen und künstlerisch verwertet hat, seine ungewöhnliche Entwicklung. Wenigstens zum Teil. Widerstände gegen seine künstlerischen Vorstellungen sind ihm sehr lange treu geblieben, ebenso jedoch der Respekt seiner „Gegner“ und die Bewunderung seiner Freunde und Förderer.

1927 in Dresden als Sohn eines bekannten Theaterregisseurs und einer jüdischen Schauspielerin geboren, zwang die NS-Rassenpolitik die Familie zu einer Flucht um den halben Globus. Nach Stationen in Berlin und Wien bot Buenos Aires der Familie nicht nur Asyl, sondern stellte sich auch als entscheidende Schaltstelle für das musikalische Verständnis des kleinen Michael Andreas heraus. Hier traf man auf zahlreiche Emigranten vor allem aus dem Bekanntenkreis Schönbergs. Hier fand Gielens besonderes Interesse für die Neue Musik seinen Nährboden. Damit begann die sonderbare Karriere eines Dirigenten, der sich nicht spätromantischen Traditionen verpflichtet fühlte, sondern seinen Zugang zur Musikgeschichte aus der Musik des 20. Jahrhunderts heraus rückwirkend erarbeitete. Wobei ihm persönlich die doktrinäre Trennung zwischen Alter und Neuer Musik zeitlebens suspekt geblieben ist.

Gielens stark analytischer, gleichwohl nicht gefühlskalter Zugang zur Musik schlug sich bei ihm auch in der Betrachtung des klassisch-romantischen Repertoires nieder. Seine Beethoven-Interpretationen mit seinerzeit ungewohnt schnellen und unpathetischen Tempo- und Klangvorstellungen stellten verwurzelte Interpretationsmodelle in Frage, noch bevor Harnoncourt und andere Spezialisten Alter Musik ähnliche Wege einschlugen.

Nach der Rückkehr aus Südamerika wirkte Gielen u.a. an den Opern von Wien, Kopenhagen und Amsterdam. Neben internationalen Verpflichtungen, u.a. in Cincinnati und bei der BBC in London, nahmen seine Leitungspositionen an der Frankfurter Oper und beim SWR Sinfonieorchester zentrale Stellungen in seiner Biografie ein. Von 1977 bis 1987 trug er wesentlich dazu bei, dass die Frankfurter Oper mit Regisseuren wie Ruth Berghaus, Hans Neuenfels oder Volker Schlöndorff nicht nur für Schlagzeilen sorgte, sondern auch für außergewöhnlich innovative Impulse. Durch die Übernahme des SWR Sinfonieorchesters 1986 konnte er sich ein besonders breites Konzertrepertoire erarbeiten. Die seit einigen Jahren veröffentlichten Aufnahmen aus dieser Ära dokumentieren die Vielseitigkeit und die spannenden Interpretationsansätze des Künstlers.

Auch wenn seine Kompositionen einen quantitativ eher bescheidenen Raum in seinem Wirken einnehmen und dennoch nicht unterschätzt werden sollten, bleibt der Name Gielen nicht zuletzt als Geburtshelfer epochaler Werke des 20. Jahrhunderts präsent. Erinnert sei an Bernd Alois Zimmermanns Oper „Die Soldaten“ und dessen „Requiem für einen jungen Dichter“, an Ligetis „Requiem“, an Stockhausens „Gruppen“ und an seinen Einsatz für Schönbergs „Moses und Aron“.

Dabei steht er der zeitgenössischen Musik durchaus nicht unkritisch gegenüber. Zwei Komponisten stehen ihm jedoch besonders nahe: Bernd Alois Zimmermann und Helmut Lachenmann. Große und kompromisslose „Außenseiter“ wie unser Preisträger.