Musikpreis der Stadt Duisburg

 

Prof. Dietrich Fischer-Dieskau

(Pedro Obiera)

Überblickt man sein Lebenswerk, wundert man sich, dass er „erst” 82 Jahre alt ist. Obwohl er sich vor 15 Jahren ohne Rummel als Sänger aus der Musikwelt verabschiedete, tanzte Dietrich Fischer-Dieskau bis vor kurzem und teilweise heute noch auf vielen Hochzeiten der Musikszene: Als Dirigent, Buchautor, Lehrer, viel gefragter Rezitator und nicht zuletzt als Maler mit bisher an die 30 Ausstellungen von Köln bis Tokio. An Universalität führt Dietrich Fischer-Dieskau die Rangliste deutscher Künstler unangefochten an. Und das betrifft auch sein unüberschaubar weit gefächertes Repertoire als Opern-, Oratorien- und vor allem Liedersänger. Fachgrenzen kannte und kennt Fischer-Dieskau bis heute nicht. Ob Rigoletto oder Wotan, Wozzeck oder Glucks Orfeo. Fischer-Dieskau sang alles, was die weite Tessitura seines Baritons erfassen konnte. Die von Monika Wolf erstellte Liste aller von ihm existierenden Tonaufnahmen füllt 539 Buchseiten.

Die beispiellose internationale Reputation des Sängers ist nicht allein seiner künstlerischen Intelligenz oder der Nobilität und technischen Perfektion seiner Stimme zu verdanken, auch nicht seinem feldzugartigen Einsatz für das bis dahin vernachlässigte Klavierlied von Haydn bis zur Gegenwart. 1947 begann seine professionelle Karriere, als er in Badenweiler ohne Probe in Brahms „Deutschem Requiem” einsprang. Der 22-jährige kehrte erst kurz zuvor aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft zurück. In der tristen Umgebung des Gefangenenlagers gelang es ihm, den Amerikanern mit seinem Gesang das Bild eines „anderen” Deutschen zu vermitteln, der sich Goethe und Beethoven und nicht Hitler verbunden fühlt. Fischer-Dieskaus Verdienste um die Reputation Deutschlands als Kulturnation sind mindestens so hoch einzuschätzen wie seine musikalischen Leistungen. Der Sohn eines Berliner Altphilologen brachte alles mit, was ihn zum unbefleckten „Saubermann” des Nachkriegs-Deutschlands prädestinierte. Als Abiturient zum Kriegsdienst eingezogen, haftete ihm kein ideologischer oder parteipolitischer Ballast an. Allüren und Skandale sucht man bei ihm vergebens. Und so konnte es Benjamin Britten 1951 wagen, für die Uraufführung seines denkwürdigen „War Requiems” wenigstens einen deutschen Künstler zu engagieren, nämlich Dietrich Fischer-Dieskau.

So global Fischer-Dieskau seine intelligent deklamierende Vortragskunst exportierte; die Deutsche Oper Berlin und die Bayerische Staatsoper in München blieben über vier Jahrzehnte seine stabilsten Säulen im Opernbetrieb. Und das, obwohl er als Wolfram in Bayreuth, als Falstaff in Wien (unter Bernstein), als Wotan und Mozart-Bariton in Salzburg sowie als Rigoletto in Mailand Triumphe in Serie feierte. Seiner Geburtsstadt Berlin blieb er bis heute treu. Dort schrieb er seine bislang an die 20 Bücher über Debussy, Nietzsche, Wolf, Schubert und Brahms. Obwohl er heute mit der Sängerin Julia Varady in vierter Ehe lebt, sorgte sein Privatleben niemals für knallige Schlagzeilen. Seine drei Söhne aus erster Ehe mit der früh verstorbenen Cellistin Irmgard Poppen schlugen allesamt mit Erfolg künstlerisch-musikalische Laufbahnen ein.