Pina Bausch

Als die Tänzerin und Choreographin Pina Bausch 1973 dem Ruf des damaligen Wuppertaler Generalintendanten Arno Wüstenhöfer folgte, das Ballett der Städtischen Bühnen zu übernehmen, da ahnte niemand die Folgen. Sie kamen einem künstlerischen Erdbeben gleich, denn Pina Bausch hat den Tanz im 20. Jahrhundert revolutioniert.

Pina Bausch kam aus Essen nach Wuppertal. Sie leitete dort das Folkwang-Tanzstudio. Das war kein unbekannter Ort für sie, denn bereits mit 14 Jahren war sie – in Solingen geboren – zum Tanzstudium nach Essen an die Folkwangschule gegangen. Entscheidend war dort die Begegnung mit ihrem Lehrer Kurt Jooss. Er war Mitbegründer dieser Schule und einer der ganz großen Choreographen. Ein Mann mit Herzenswärme und Humor und einem großen Wissen. Pina Bausch hat von ihm für ihr Leben gelernt. Die Folkwangschule war ein Ort, an dem alle Künste unter einem Dach waren. Nicht nur die darstellenden Künste wie Oper, Schauspiel, Musik, Tanz, sondern auch die Malerei, Bildhauerei, Fotografie, Grafik, Design. Das Besondere am Studium in dieser Schule: Jeder hatte Interesse an der Arbeit des anderen. Es entstanden viele gemeinsame Projekte. Für Pina Bausch eine wichtige Zeit.

Durch ein Stipendium des DAAD kam Pina Bausch mit 18 Jahren nach New York. Sie studierte an der berühmten Juilliard School of Music bei Lehrern wie Antony Tudor, José Limón, Alfredo Corvino, Margarete Craske oder Donya Feuer. Sie tanzte an der Metropolitan Opera, kurz nachdem die Callas dort weggegangen war. In dieser aufregenden Stadt wäre Pina Bausch gern geblieben. Aber nach zwei Jahren kam ein Anruf von Kurt Jooss. Sie möge doch bitte nach Essen zurückkommen. Er brauche sie. Ein großer Konflikt – Pina Bausch kehrte nach Essen zurück. Wurde Assistentin von Jooss, tanzte in seinen Stücken, begann, eigene Choreographien zu machen und übernahm nach seinem Weggang das Folkwang-Tanzstudio.

Die ersten Arbeiten in Wuppertal hielten sich noch im traditionellen Rahmen und an literarische und musikalische Vorlagen, Gluck, Brecht, Weill, „Iphigenie“, „Orpheus und Euridyke“, „Die sieben Todsünden“. Aber schon hier, spätestens aber bei Strawinskys „Frühlingsopfer“ war zu sehen und zu spüren, dass sich da bei Pina Bausch etwas Neues tat, dass sie die existentiellen Themen Liebe und Tod mit ungewöhnlich archaischer Kraft und visionären Bildern anfüllte.

Das Neue entwickelte sich Schritt für Schritt. Mit einer neuen, ganz offenen Arbeitsweise des „Fragens“, oft bis weit in die Kindheit zurück, wuchsen Stücke ohne Vorlage, Stücke, die viele kleine Geschichten erzählten von Liebe und Zärtlichkeit, Angst, Enttäuschung, Hoffnung, Sehnsucht. Die Tänzer tanzten nicht nur, sondern rannten, sprangen, schrieen, lachten, weinten, erzählten Witze, absurde Geschichten, stellten Fragen. Es entwickelte sich eine neue Körpersprache, die auch auf Schauspielregisseure großen Einfluss hatte. Es entstand ein ganz neues Theater: das Tanztheater Wuppertal. Bis zu seinem frühen Tod 1980 entwarf Rolf Borzik die Bühnenbilder und Kostüme. Danach, bis heute, übernahm Peter Pabst die künstlerische Ausstattung.

1986 kam es zu einer Zusammenarbeit mit dem Teatro Argentina in Rom – „Viktor“ hieß das Stück, und es war der Beginn von vielen Koproduktionen, die aus der Begegnung mit anderen Kulturen – u.a. Hongkong, Brasilien, Japan, Budapest, Palermo, Istanbul – entstanden sind. Über 40 Stücke hat Pina Bausch in Wuppertal herausgebracht. Fast alle werden immer wieder aufgenommen, zum Teil mit neuen Tänzern neu einstudiert. So bleibt das gesamte Repertoire lebendig.

Seit vielen Jahren feiert Pina Bausch und das Tanztheater Wuppertal in aller Welt Triumphe. Die Choreographin selbst wurde mit allen wichtigen nationalen und internationalen Tanz,- Kultur- und Staatspreisen geehrt.